Wie komme ich dazu dies alles zu schreiben? Weil es mich ankotzt. Habe nach meiner "Copyright Less License" gegooglet, und da kommt eine Werbung mit dem hirntoten Produkt dieser Abzockfirma. Ja, es kotzt mich an, dass für solche Fehlkonzepte Venture Capital herausgeworfen wird, anstatt damit Dinge zu finanzieren, die die Menschheit voranbringen anstatt sie durch nichtsnutzige Raubritter (z. B. Dunstkreis eBay) in die Steinzeit zurückzubefördern. Weil ich gerne für gut gemacht Services zahlen würde, aber nur auf Ideen stoße, die zwar tadellos optisch aussehen, aber die von kranken Gehirnen entweder entworfen oder bis zur Unbrauchbarkeit verunstaltet wurden. Oder beides.

Aber was rege ich mich eigentlich auf. Bin doch selber daran Schuld dass ich unfähig bin, meine (meineserachtens ideell hochstehenden) Konzepte so zu verbiegen, dass Venture-Kapitalgeber Mammon-Augen bekommen und bereit sind, ihr gutes Geld auch einer guten Idee hinterherzuschmeißen (anstatt das nur bei meistens schlechten zu tun). Das Problem ist eben, ich bin ein weltferner Techie-Mathematiker und kein BWLler dem jegliche Moral egal ist.

Ich sage ja, mein Fehler. Und so ein Frust muss raus! Und der entlädt sich bei mir eben in Texten wie diesem.

Geistiges Eigentum Sichern per Hirnverbrennung

Eine Firma (bezeichnenderweise gehört sie zur XING-Gruppe) ist angetreten, geistigen Dünnpfiff zu verbreiten wie ich ihn schon lange nimmer gesehen habe. Sie verkaufen nicht einmal Luft in Dosen, sondern haben tatsächlich die nächste Steigerungsform davon entdeckt:

Sie verkaufen tatsächlich die Möglichkeit, die verbrauchte Luft in Dosen einzufangen, gegen entsprechende Gebühr versteht sich.

Worum geht es?

Also, www.priormart.com ist tatsächlich in Deutschland angetreten, damit wir Deutsche endlich auch unser Copyright schützen können.

Hä?

Ja, "hä?" das habe ich mich auch zuerst gefragt. Hierzulande gibt es kein Copyright. Also wozu soll man es schützen? Und wofür soll der Service dort bitte gut sein?

Das Copyright ist ein Explizitrecht. Das bedeutet, das Copyright muss man mitteilen und verteidigen. Macht man eines nicht, vergisst also z. B. das Copyright draufzuschreiben, verliert man alle Rechte.

Hierzulande gilt aber das Urheberrecht. Dies ist ein Implizitrecht. Man muss es weder jemandem mitteilen noch es verteidigen. Einzig beweisen muss man die Urheberschaft. Aber selbst wenn man diese nicht beweisen kann behält man (und die Erben) das Urheberrecht, d. h. man kann z. B. auf dem, was man geschaffen hat, jederzeit weiter aufbauen, ohne irgendwelche Verwerter fragen zu müssen, die meinen, sich irgendwelche Rechte erkauft zu haben. (Ist auch Logisch. Man kann einem Autor ja auch nicht die Ideen aus dem Kopf amputieren nachdem er daraus einmal einen Roman geschrieben hat.)

Wer also meint, hierzulande das Copyright verteidigen zu müssen, der ist irgendwie total falsch aufgesattelt und fällt voll in die Falle der Content-Mafia.
Vorsicht: IANAL

Lesen bildet

Also lesen wir mal nach, was die bieten. Also, für knapp 50 EUR bieten die folgendes:

  • Einen Datentresor für 5 Jahre (mit der Idee sind glaube ich schon einige Banken und ich glaube die Allianz eingegangen) für bis zu 50 MB (das macht also 3 EUR pro MB, bei Google gibt es übrigens 6 GB for free).
  • Ein Schutzsiegel für diese Daten. Was das ist ist unergründbar, wenn ich auf den entsprechenden Hinweis-Link klicke erhalte ich ein sehr bedenklich stimmendes:
    Fehler
    Die gesuchte Seite ist umgezogen oder existiert nicht mehr.
    Wenn Sie die gesuchte Information nicht finden können, senden Sie uns einfach eine Email.
  • Das Werk wird bei einem staatlich geprüften Notar hinterlegt. (Da fragt man sich sofort, ob es auch andere Notare gibt. Darf man daraus folgern, dass die Firma nicht einmal weiß, was ein Notar ist, und muss man diesen Mangel nicht zu Recht als extrem bedenklich einstufen? Oder wie soll ich diese mehrfache Redundanz "staatlich geprüft" im Zusammenhang mit "Notar" sonst verstehen?)
  • Und man bekommt eine Beglaubigungsurkunde sobald das Dokument hinterlegt ist.

Hm ..

Das lässt dann doch tief blicken. Die notarielle Beglaubigungsurkunde ist für diesen Preis durchaus ein Schnäppchen (das sind die Dinge, die anschließend nutzlos rumliegen. Aber billig waren sie immerhin), was die Firma aber verschweigt ist folgendes:

Eine 100-prozentige Gewähr für die gerichtliche Anerkennung bietet auch die notarielle Hinterlegung nicht!
Zitat: www.akademie.de/fuehrung-organisation/management/tipps/betriebspraxis/ideen-schuetzen-und-freilassen.html

Ist auch vollkommen logisch, was kann eine solche Hinterlegung schon beweisen?

Also, was haben wir?

Wir haben ein elektronisches Dokument, das ein Siegel bekommt, welches notariell beglaubigt wurde.

Und was soll das uns bringen?

Alles was man dann bewiesen hat ist der Besitz eines Dokuments zu einem bestimmten Zeitpunkt. Jetzt langsam dämmert es:

Prior Art, deshalb heißt die Firma auch PriorMart.

Ja aber warum wirbt sie dann mit dem falschen Produkt?

Denn PriorMart schützt nicht das Geistige Eigentum (womit auch? Das geht weder mit Bleiwänden noch mit Atombomben), sondern bietet lediglich die folgende Kleinigkeit:

Den Beweis dass ein bestimmtes Dokument zu einem bestimmten Zeitpunkt jemand bestimmten bekannt war (Bekanntheitsnachweis).

Bekanntheitsnachweis

Der Nachweis, dass man der Urheber ist, wird dadurch mitnichten erbracht! Solch einen muss man nämlich erst noch führen, denn das ist mit einer Hinterlegung noch lange nicht erbracht! Genau dafür gibt es eben Notare, die genau so etwas bestätigen können. Diese bestätigen jedoch nur z. B., dass jemand bei ihnen war, um seine behauptete Urheberschaft notariell beglaubigen zu lassen. Genau das kann diese Firma aber eben nicht erbringen, das einzige was der Notar bestätigen kann ist somit, dass die Firma zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Dokument eingereicht hat, von dem sie behauptet, dass es von einem bestimmten ihrer Kunden stammt, zum Zwecke der Beurkundung der Behauptung der Autorenschaft. Uff! Mehr geht nicht, denn sonst müssten Notare Hellseher sein, und ich glaube mal, ein guter Zeuge der einen schon seit Jahren kennt und einen einwandfreien Leumund hat bringt vor Gericht da deutlich mehr.

Überlegen wir mal:
Autor Fleißig geht zum Verlag Geiz und bietet sein Buch an. Vorher hat er das elektronische Manuskript bei PriorMart im Safe hinterlegt, und mit dieser Tatsache hält er beim Verlag nicht hinterm Berg und fordert ein entsprechendes Honorar.

Dem Verlag ist das deutlich zu teuer. Also wird Autor Faul vom Verlag engagiert. Autor Faul geht zu Cracker Bös der den Sicherheitsserver von PriorMart knackt, und kriegt so das Original-Manuskript von Autor Fleißig. Danach ändert er es ab, geht zu seinen drei Kumpels, den Anwälten Krumm, Unlauter und Gefährlich, mit denen ihn seit Jahrzehnten eine Seilschaft verbindet, und dann bringt der Verlag ein leicht geändertes Buch heraus.

Autor Fleißig klagt jetzt mit seinen Unterlagen vor Gericht und unterliegt. Am Ende wird er sogar zum Cyberterroristen gestempelt, weil Experte Kaufich zweifelsfrei nachweisen konnte, dass das durch PriorMart gesicherte Dokument, welches Autor Fleißig blöderweise sogar als Beweis gerichtlich einbrachte, ein Plagiat des durch die Zeigen Krumm, Unlauter und Gefährlich bezeugten Dokuments darstellen muss, da dieses Dokument - wie bezeugt - vorher entstanden ist, und sich beide Dokumente verdächtig ähneln.

Dieser Schuss ging gründlich nach hinten los. Autor Fleißig, der all die Arbeit machte, ist anschließend vorbestraft, der Verlag Geiz, Schlau, Krumm, Unlauter und Gefährlich teilen sich stattdessen alle seine Einnahmen.

Nein, so funktioniert das nicht. Aber so funktioniert es:
Der Autor speichert das Dokument in einem cryptographischen VCS wie GIT. Das Repositorium liegt auf einer Speicherkarte die er sicher verwahrt. Die elektronische Signatur des eingereichten Checkins wird automatisch in einem Ewigen Logfile gespeichert. Da alles vollautomatisch funktioniert denkt der Autor gar nicht darüber nach.

Nun schickt er sein Werk dem Verlag per eMail.

Der Verlag geht wie oben beschrieben vor, allerdings wird das eingereichte Dokument verändert und herausgebracht.

Nun kommt es zum Prozess. Über das VCS und das Ewige Logfile kann der Autor zweifelsfrei nachweisen, wann er was gemacht hat. Das kann aber nur er, da die Dokumente selber nirgendwo übertragen oder gespeichert sind - außer im Repositorium auf seiner Speicherkarte!

Da er über eine ausgezeichnete Dokumentation und einen klaren Werdegang des Dokuments verfügt, über das man das Entstehen ggf. über Jahre hinweg nachvollziehen kann, kann er vor Gericht glaubhaft machen, dass er der Urheber ist und niemand anderes. Über das Ewige Logfile ist auch klipp und klar bewiesen, dass er das alles nicht hinterher fabriziert hat, weil man das nicht kann.

Und das ganze hat noch nicht einmal etwas gekostet, der Autor musste also nichts für irgendeine dubiose nichtwirkende Hinterlegung und Beglaubigung des Enddokuments bezahlen, da er ja nicht einmal weiß, ob sich solch eine Investition jemals amortisieren wird.

Was ein Ewiges Logfile ist kann man bei Lutz Donnerhacke nachlesen.

Fazit

Würde die Firma ein brauchbares Konzept anbieten, z. B. ein notariell bestätigtes Ewiges Logfile, dann würde ich solch einen Service durchaus gerne bezahlen. Ich würde auch durchaus 1 EUR pro Monat für die Nutzung eines solchen Logfiles bezahlen, für bis zu 1000 Einträge pro Tag (also bis zu 31000 pro Monat), alternativ 20 EUR pro Jahr für beliebige 500000 Einträge. Nochmals: Es werden keine Dokumente gespeichert, sondern nur deren Hashes, ein Eintrag ist also um die 100 Byte lang. Mehr muss man nicht speichern, eine Hinterlegung oder Upload von Dokumenten ist überhaupt nicht notwendig (also warum zum Geier wird das überhaupt so dubios implementiert?).

Die Speicherung des Logfiles erfolgt übrigens ewig. Daher kommt ja der Name des Logfiles, denn wird es nicht ewig gespeichert wäre es ja nicht nachprüfbar. (Ewig im Sinne "So lange der Service angeboten wird". Danach ändert sich das Logfile ja nicht, kann also frei im Internet kopiert werden. Der einzige, der evtl. - gegen Gebühr - bemüht werden muss ist eben jener Notar, oder dessen Nachfolger.

Auch dass ich 1000 Transaktionen am Tag durchführen darf ist nicht übertrieben. Im Gegenteil. Je mehr Transaktionen, desto feiner granuliert ein solches Logfile. Ergo sind viele Transaktionen, möglichst viele unsinnige die leicht nachzuprüfen sind, sogar extrem erwünscht! Denn nur durch 3rd Party Review wird sichergestellt, dass solch ein Logfile nicht manipuliert wurde. Der Notar ist nur noch dazu da, wirklich sicherzustellen, dass kein Schmu gemacht wird.

Der Abruf des Logfile muss übrigens kostenlos sein. Auch das impliziert ein solches, denn wäre dem nicht so, wäre solch ein Logfile nutzlos (sprich: Nicht nachprüfbar). Nur wenn ständig genug Leute mit dem Teil rummachen, dann erst kann man sicher sein, dass es eine ununterbrochene Kausalkette bildet, die zu keinem Zeitpunkt neu angeordnet werden konnte. Die Historie ist eben nur so sicher, wie weit man sie ständig überprüft.

Wer jetzt denkt, das sind unwirkliche Forderungen, der irrt. 20 EUR für 50 MB ist gut gerechnet. Ein solches Logfile wächst linear zur Zeit und linear zu der Menge der zahlenden Kunden. Der Festplattenspeicher steigt aber geometrisch. Die Kosten für die Archivierung des Logfiles sinken also stetig, womit es viel Raum zur Verbesserung gibt.

Was fehlt ist ein ultra-einfaches Transaktionsmodell (HTTPS-URL mit Hash, UserID und Passwort), welches gesicherte und ungesicherte(!) Transaktionen zulässt. Ich kann also z. B. festlegen, dass pro Stunde 6 Einträge mit meiner ID aber ohne Passwort vorgenommen werden können. Auf diese Weise kann ich Leuten einen Link in einer eMail schicken, über den sie mir den Erhalt der Nachricht bestätigen (klick=Eintrag ins Logfile mit dem Hash der empfangenen eMail, alles auf meine Kosten). Eigentlich fehlt dann nur noch ein kostenloses Plugin für GoogleMail und ähnliche Services, um das zu ermöglichen.

Ja, richtig, das wäre eine wirklich innovative Startup-Idee. Nur gibt es dafür natürlich kein Geld, weil nur Nerds verstehen das noch. Die Zeit ist eben noch nicht reif.

Heraus kommen dann solche faulen Äpfel wie PriorMart, die nur noch eine schlechte Karikatur eines sinnvollen Konzeptes darstellen, mit FUD beworben werden und dazu noch nicht einmal etwas bringen.

Aber so ist unsere Welt: Oberflächlich bis über die Schmerzgrenze hinaus. Es ist zum Heulen.

-Tino, 2008-05-30
PS: DAS IST MEINUNG! Wer denkt, hier eine beweisbare Tatsachenbehauptung fordern zu müssen, der irrt gewaltig. Was nicht bedeutet, dass das, was ich berichte, unwahr wäre. Nur braucht Meinung keine Tatsachengrundlage, außer der Meinung selbst. Ich bin aber gerne bereit, meine Meinung zu korrigieren (und diese Meinungsänderung zu dokumentieren) sofern jemand mich über Fehler aufklärt die ggf. in einer falschen Meinung gründen. Mit nichtfunktionierenden Links (merke: JavaScript ist böse) kann man mich aber auf keinen Fall aufklären. Auch nicht indem man mich durch Anwälte unter Druck setzt.